Zum Inhalt springen →

Café Un-Perfect

Kirche als »Raum der wechselseitigen Fürsorge und Entlastung« (13), dem geht Cornelia Coenen-Marx in ihrem Buch »Die Neuentdeckung der Gemeinschaft. Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege« nach. Damit trifft sie einen Nerv, denn – wie sie sagt ­– nach Gesundheit und finanzieller Lage ist den Deutschen eine lebendige Nachbarschaft wichtig.

Anknüpfen kann sie damit an die ersten christlichen Gemeinden, die miteinander teilten, oder an Amalie Sieveking und Johann Hinrich Wichern aus dem neunzehnten Jahrhundert, die einen Blick dafür hatten, wo etwas Not tat. Disembedding, Mobilität und Digitalisierung, so Coenen-Marx, lassen heute Lücken im Miteinander entstehen. Kirche und Diakonie sind deshalb erneut gefragt, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. (In Frankenthal war es der seinerzeitige Dekan Hieronymus Hofer, der 1858 mit seinem »ABC der Armenhilfe« der Diakonie diesen Weg wies.)

Teil der Gemeinschaft bleiben

Ihren Blick richtet sie zunächst auf Hochbetagte, Menschen mit Demenz und Pflegebedürftige. Um dort bleiben zu können, wo sie hingehören (Klaus Dörner), bedarf es Menschen, die »unterhalb der Schwelle professioneller und bezahlter Dienstleistungen« (46) für sie da sind. Quartiersarbeit, Gemeindediakonie, dritter Sozialraum oder sorgende Gemeinschaften – viele Bezeichnungen haben wir mittlerweile dafür gefunden, wo es darum geht, Nachbarschaften aufleben zu lassen.

Wie Frau Coenen-Marx unterstreicht, sind Menschen mit Unterstützungsbedarf nie nur Nehmende. Ihre Würde macht es aus, daß sie als ganze Menschen gesehen werden, die Schwächen und Stärken haben und vieles selbst können: »Selbstorganisation, Selbstwirksamkeit und Beteiligungsorientierung bleiben bis ins hohe Alter wichtig.« (52)

Beteiligung ist das Schlüsselwort für Quartiersarbeit. Es erinnert an die vier sozialen Netzwerkphasen (oder – nach Eckart Hammer – die »Gut-Altern-Formel«): Ich für mich – Ich und andere für mich – Ich mit anderen für andere – Andere mit Anderen für mich. Die letzte Phase hat Karin Nell hinzugefügt und als soziale Vorsorge gekennzeichnet. Dieses wechselseitige Geben und Nehmen macht Nachbarschaft aus.

Kurz und prägnant formuliert es Cornelia Coenen-Marx so: »Wer sich engagiert, gewinnt zugleich neue Beziehungen und eigene Netzwerke, Lebensvertiefung und soziale Kompetenzen.« (61) Und wir als Kirchengemeinde sind ein guter Rahmen dafür.

Von der Für-Kultur zur Mit-Kultur

Tatsächlich erleben wir in Kirche und Diakonie gerade (nach den achtziger/neunziger Jahren wieder) eine Wende hin zum Gemeinwesen, »vom vorgegebenen Wir einer Institution zu dem Wir, das in gemeinsamer Erfahrung entsteht« (115), wie Cornelia Coenen-Marx sagt. Nicht die Haupt- und Ehrenamtlichen überlegen sich etwas für eine »Zielgruppe«, sondern sie öffnen das Gemeindehaus für die Menschen, die in der Nachbarschaft leben. Dabei gilt es hinzuhören: »Erst einmal nur da sein und versuchen, herauszufinden, was nötig sein könnte.« (128)

Das Versprechen dabei ist, daß sich hier ein Kreis schließt: Diakonie begann so, daß sie sich um die Menschen in den Wohnquartieren kümmerte – so, wie es über Hundert Diakonissenschwestern in Frankenthal gab, die die häusliche Krankenpflege übernahmen (www.diakonissenverein-ft.de/ueber-uns-2). Nach einer langen Zeit der Trennung von Kirche und Diakonie begegnen sie sich heute in der Arbeit im Stadtteil wieder. »Wichern 3« nannte der Diakoniewissenschaftler Theodor Strohm 1998 das gemeinsame Engagement für die Menschen vor Ort.

»Die Aufbrüche der Diakonie im 19. Jahrhundert gingen vom Quartier aus und führten ins Quartier zurück – von Fliedners Gemeindeschwestern bis zu Wicherns Entwicklung eines neuen Wohnquartiers in Hamburg-St. Georg.«

Cornelia Coenen-Marx, Die Neuentdeckung der Gemeinschaft, 126

»Daß wir unsere kirchlichen Räume öffnen müssen, um wirksam zu werden als diakonische Orte in unserer Gesellschaft« (125), zitiert Cornelia Coenen-Marx Pfarrerin Friederike Weltzien. Ergänzt werden könnte, daß Kirchengemeinden über diesem Weg an Bedeutsamkeit dazugewinnen.

Das Kriterium dafür ist das Empowerment: Menschen in die Lage zu versetzen, für ihre eigenen Interessen einzutreten – wie auch Hieronymus Hofer es 1858 als wesentlich erachtete. Aber wie kommen wir als Kirche aus der »Fürsorge-Falle« (www.empowerment.de)?

Heiliger Boden

Cornelia Coenen-Marx zufolge benötigen wir »Orte/Räume/Begegnungsmöglichkeiten, an denen sich Menschen frei und offen begegnen können, anstatt eine Rolle spielen zu müssen« (147). »Hier kann ich so sein, wie ich bin«, sagte ein Besucher des Begegnungszentrums »Mittendrin« in Pirmasens (www.mittendrin-ps.de), dem Vorbild unseres Projektes »Miteinander« im Dathenushaus in Frankenthal (www.miteinander-im-dathenushaus.de).

Das setzt die Haltung voraus, »nicht eine Gemeinschaft von Starken zu sein, sondern von Un-Perfekten, die alle auf Gottes Hilfe angewiesen sind«, wie Cornelia Coenen-Marx Beate Jakob zitiert (147). Zeigen kann sich das in wertschätzender, offener Kommunikation, die die/den anderen so läßt, wie sie/er ist. In der humanistischen Psychologie sind die Einzelnen die Expertinnen und Experten für ihr Leben und kommen selbst auf das, was ihnen weiterhilft – wenn sie ein Gegenüber haben, das ihnen aufmerksam zuhört. Daraus, nicht aus den Ideen der Haupt- und Ehrenamtlichen, entstehen die Themen der Gemeinwesenarbeit und Gemeindediakonie.

Wo Menschen sich so als Mitmenschen begegnen, erleben sie sich auf »heiligem Boden«, wie die amerikanische Gestalttherapeutin Pat Korb sagte. Sie begegnen sich wirklich (Martin Buber) und erfahren sich als verbunden: »Es sind die Geschichten von Tischgemeinschaften, Wohngemeinschaften, Dienstgemeinschaften, Weggemeinschaften und Gebetsgemeinschaften, die von der Zukunft der Kirche erzählen, die schon begonnen hat.« (177)

»Transformation braucht eine gemeinsame Zukunftserzählung. Die Frage ist deshalb, wie wir in der Kirche gemeinsame Erfahrungsräume schaffen können, die – jenseits aller Unterschiede – Raum für Geschichten, Bilder und Symbole geben.«

Cornelia Coenen-Marx, Die Neuentdeckung der Gemeinschaft, 177

Herzlichen Dank an Cornelia Coenen-Marx für diese Ermutigung. Ich verstehe ihr Buch als Summe ihres Engagements und ihrer Erfahrungen in Kirche und Diakonie. Beeindruckend ist auch, wie vernetzt sie ist: Wer Anregungen für seine eigene Arbeit sucht, wird an jeder Stelle des Buches fündig.


Hier noch etwas zu Wichern 3 aus unserer Arbeit:

Und etwas zu Hieronymus Hofer:

Veröffentlicht in Uncategorized

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.